Liebe Laura,



als Du geboren wurdest, waren wir, Deine Großeltern bereits im 75. Lebensjahr. Wir müssen also damit rechnen, dass wir, wenn Du erwachsen bist, nicht mehr am Leben sind. Das ist schade, weil Enkel gerade von den Großeltern, die auf eine lange Lebenserfahrung zurückblicken können, viel für ihr eigenes Leben lernen können.

Der richtige Zeitpunkt, Dir diesen Brief auszuhändigen, scheint mir der 12. Geburtstag zu sein. Du hast dann genug eigene Erfahrungen gesammelt, um die Wichtigkeit der Ratschläge zu verstehen, die ich Dir auf Deinen Lebensweg mitgeben möchte.

Im Laufe unseres Lebens hat sich die Welt radikal verändert und die Generation Deiner Eltern neigt dazu, ihrer Meinung nach veraltete Erfahrungen zu missachten. Auch wir hatten einst diese Einstellung unseren Eltern gegenüber. Es gibt aber Grunderfahrungen , die unabhängig von jeglicher Entwicklung sind und manche revolutionäre Neuerungen erwiesen sich nach einigen Jahren als Windeier.

Beständige Verbesserungen entstehen kaum aus revolutionären Neuerungen. Die Welt ist zu kompliziert, als dass ein Mensch mit guten Ideen, selbst wenn er noch so klug ist, bei der Vielfalt möglicher Einflüsse alle Konsequenzen von Neuerungen überblicken kön nte. Es bedarf stets langwieriger Entwicklungen in kleinen Schritten, um stabile Verbesserungen zu erreichen. Wartet man die Wirkung kleiner Eingriffe in komplizierte, über lange Zeit gewachsene Systeme ab, bevor man den nächsten Eingriff vornimmt, dann sind auch eventuelle negative Auswirkungen noch klein und meist korrigierbar.

Die wunderbaren Ideen von Karl Marx haben einst die Menschen begeistert und sie tun das noch heute. Um zu seinen Idealzielen zu kommen, schien fanatischen Anhängern seiner Ideen jedes Mittel recht zu sein. Es wurden Millionen unschuldiger Menschen geopfert oder zumindest in Not und Elend gestürzt, um in Russland ein scheinbar stabiles System auf der Grundlage der Ideen von Marx zu schaffen.

Was Marx bei aller Genialität nicht hinreichend berücksichtigt hatte, war der Egoismus der Menschen, die in seinem System an die Macht kamen. Im russischen Volk entstand die Erkenntnis: „Im Kommunismus sind alle Menschen gleich, aber manche sind gleicher!“ . Derartige Missstände führen zwingend zu einem Zusammenbruch eines Systems. Denn:

Man kann einzelne Menschen für immer täuschen, man kann alle Menschen eine Zeit lang täuschen, aber man kann nicht alle Menschen für immer täuschen!“

Irgendwann gibt es eine Schwachstelle in einem System mit vielen Unzufriedenen, selbst wenn sich die Mächtigen mit Hilfe gut bezahlter Gefolgsleute noch so gut abgesichert haben und das hat noch in jedem politischen System zum Zusammenbruch geführt.

Obwohl dieses Beispiel ein politisches ist, gilt diese Erfahrung für alle revolutionären Ideen. Jesus Christus hat in bester Absicht die Idee der Nächstenliebe gepredigt. Diese Idee erschien später religiösen Fanatikern so wichtig, dass sie sie anderen mit Gewalt aufzwingen wollten. Im Namen des Kreuzes wurden Kriege geführt und „Hexen“ verbrannt. dass dies ein Widerspruch in sich ist, wurde dabei nicht erkannt oder ignoriert.

Immer wieder haben religiöse Gruppen einander bekämpft und abgeschlachtet und sie tun dies bis heute, obwohl sie häufig denselben Gott verehren, wie Katholiken, Protestanten, Moslems und Juden, die alle auf Abraham zurückgehen, der angeblich von Gott selbst seine Aufträge bekam. Bei ihren Gemetzeln sähen sie Hass, der oft über viele Jahrhunderte erhalten bleibt und durch Racheakte immer wieder neu geschürt wird. Religionen stellen also eine der größten Gefahrenquellen für den Weltfrieden dar. Insbesondere dann, wenn sie Menschen fanatisieren, um ihren Machtbereich gewaltsam zu vergrößern.

Da in unserer Welt trotz aller Aufklärung vieles nicht zum Besten steht, suchen Viele und nicht immer die Dümmsten, Zuflucht bei neuen Heilslehren und Sekten, die wie Pilze aus diesem fruchtbaren Boden sprießen. Massenselbstmorde und Verfolgung Abtrünniger , die die wahren Absichten der Prediger durchschaut haben, sind die Folge. Oft genug auch führt es zur Enteignung unbeteiligter Angehöriger, wenn auf Grund einer unklaren Rechtslage ein gefügig gemachtes Sektenmitglied Haus, Gut und Grundbesitz der Sekte überschreibt.

Dass alles dies möglich ist, liegt daran, dass die Menschen nicht gelernt haben, Widersprüche und Schwachstellen einer Lehre zu erkennen und die richtigen Schlüsse zu ziehen. Gegen Dummheit anzukämpfen, muss deshalb ein oberstes Ziel jedes Menschen sein, der diese Zusammenhänge einmal durchschaut hat.

Die Waffe dafür ist jedoch nicht Gewalt irgend welcher Art, sondern Überzeugung. Getreu dem oben genannten Grundsatz darf das Überzeugen nicht radikal erfolgen, sondern in kleinen Schritten. Fanatiker kann man nicht spontan überzeugen, bestenfalls verunsichern, indem man immer wieder kleine Widersprüche oder Unwahrscheinlichkeiten in ihrer Vorstellungswelt aufzeigt, bis sie selbst an deren Richtigkeit zweifeln und sich aus eigenem Antrieb eines Besseren besinnen.

Eine solide, mathematisch-naturwissenschaftliche Ausbildung ist eine gesunde Grundlage für logisch richtiges Denken und intuitive Erfassung von Ungereimtheiten und Widersprüchen. Auch Kinder denken noch richtig und unkompliziert. Als Dein Vater noch klein war, hab ich einmal gesagt „wenn wir nach Wien fahren, müssen wir durch München fahren“, worauf er nach kurzem Nachdenken fragte: „Papa, hat München ein Loch?“

Als ich noch Kind war und fragte, wo die Kohle zum Heizen herkommt, wurde mir von meinem Vater richtig erklärt, wie einst Wälder verschüttet wurden und zu Kohle versteinerten, die jetzt in Bergwerken gewonnen wird. Ich fragte damals, was geschehen wird, wenn alle Kohle verbraucht ist. „Da ist so viel da, das werden wir alle nicht erleben“, war die Antwort. Sie hat mich überhaupt nicht befriedigt und war wohl mit die Ursache, dass ich den Dingen immer mehr auf den Grund ging und mich zunehmend für Naturwissenschaften interessierte.

Christlich geprägte Menschen glauben an einen Gott, der die Welt (Himmel und Erde) erschaffen hat. Der Himmel erwies sich jedoch als ein Raum von ungeheuren Dimensionen, in dem Milliarden von mit Planeten umgebenen Sonnen Galaxien bilden und der selbst Milliarden solcher Galaxien enthält. Heute spricht alles dafür, dass auf zahlreichen Planeten dieser vielen Sonnen Leben wie auf der Erde entstand und man kann deren Zahl nach bestem Wissen und Gewissen abschätzen.

Da man auch die Größe und das Alter des Weltalls kennt (13,7 Milliarden Jahre mit je 31,5 Millionen Sekunden), kann man die geschätzte Anzahl der belebten Planeten mit der Anzahl der Sekunden vergleichen. Sie ist mehr als 600-mal so groß. Angenommen in jeder Sekunde wären gleich viele belebte Planeten entstanden, dann wären das mehr als 600 pro Sekunde und das seit 13,7 Milliarden Jahren.
 (Diese Aussage wurde inzwischen als falsch erkannt! Siehe anschließenden Brief vom 4. November 2011).

Erzählt man das einem gläubigen Christen, dann kommt meist die Antwort: „Aber von irgendwo muss doch das alles hergekommen sein.“ Dieser Schluss beruht auf der menschlichen Erfahrung, dass in der uns unmittelbar umgebenden Natur alles Leben aus anderem Leben hervorgeht. Auf die berechtigte Frage, wo Gott herkam, kommt dann prompt die Antwort: „der war immer da.“

Wenn es aber etwas gibt, das immer da war, dann ist die Gotteshypothese überflüssig. Dieser folgerichtige Schluss wird jedoch von allen Gläubigen verdrängt. Sie haben nicht nur nicht gelernt, logisch zu denken, sondern werden sogar durch das raffiniert ausgedachte Verbot der Gotteslästerung daran gehindert.

Zur Zeit Galileis glaubte die Kirche an eine Gefahr, die ihr aus einer Welt, in der die Erde nicht Mittelpunkt wäre, entstünde und sie hat sich dagegen gewehrt. Gegen die moderne Kosmologie, die eigentlich viel gefährlicher für sie sein könnte, unternimmt sie nichts. Warum? Antwort: Sie hat es nicht nötig, denn nur sehr wenige unserer lieben Mitmenschen unterziehen sich der Mühe, sich ernsthaft mit den Fakten auseinanderzusetzen, die zur Grundlage der modernen Kosmologie geführt haben und deshalb erscheint sie ihnen mindestens ebenso unwahrscheinlich wie ein allwissender und allmächtiger Gott.

Diese Bequemlichkeit hat jedoch schlimme Folgen. Die unkritische Haltung der Menschen ist nämlich die Hauptursache für alles Leid in dieser Welt, von dem ständig ein nicht unerheblicher Teil der Menschheit betroffen ist. Nur wenige Völker haben wie wir das Glück, jahrzehntelang auf einer Insel der Glückseligen zu leben und das darf uns nicht gleichgültig lassen. Kampf irgendwelcher Art ist jedoch das falsche Mittel. Frühe Vorsorge und behutsame Verbreitung und Verbesserung von Erkenntnis bieten die einzige Chance, die Schreckensherrschaft mächtiger Unruhestifter zu beenden.

Die hierzulande vergleichsweise lange Friedenszeit der letzten Jahrzehnte, verdanken wir unseren furchtbaren Erinnerungen an die Not und die Gräuel, die die Weltkriege des vergangenen Jahrhunderts mit sich brachten. Nachfolgende Generationen, die diese nur abgeschwächt aus Erzählungen kennen, sind bereits wieder eher zu Gewalttaten bereit.

Religionen haben nicht nur negative Seiten. Sie bieten ihren Anhängern ethische Grundregeln in der Form von Geboten an, die für friedliches menschliches Zusammenleben auf die Dauer unabdingbar sind. Der Philosoph Kant hat diese Regeln in seinem "Kategorischen Imperativ" zusammengefasst. Vereinfacht entspricht dieser dem Sprichwort: „Was Du nicht willst, das man Dir tu, das füg auch keinem andern zu“.

Leider werden diese gut gemeinten Gebote nicht einmal von den Gläubigen aller Religionsarten grundsätzlich beachtet. Oft werden sie sogar in einer Weise spitzfindig interpretiert, die vielen Menschen Gefahr, Not und oft genug Folter und Tod bringt. Nimmt man nämlich geschriebenes nicht wörtlich, sondern versucht es zu interpretieren, dann ist der Phantasie des Interpretors keine Grenze gesetzt.

Galilei Galileo, der seinerzeit persönlich unter solchen Interpretationen der Kirche zu leiden hatte, drückte diesen Sachverhalt überspitzt so aus: „Ich habe ein ganz kleines Büchlein mit nur 26 Buchstaben (A-Z). Daraus kann ich alles herauslesen, was ich will!“

Auch Trost in Krisenzeiten oder bei Leid und Trauer können gläubige Menschen im Glauben finden. Man sollte ihnen diesen Trost nicht nehmen. Auch die Kraft, sich von Unterdrückern zu befreien, haben Menschen schon aus dem Glauben geschöpft. So hatte die Kirche maßgeblichen Anteil am Zusammenbruch des Kommunismus, der durch den Papstbesuch in Polen und die damit verbundene Stärkung der Solidarnosch-Bewegung den ersten Anstoß erfuhr. Auch bei der Wiedervereinigung Deutschlands hatte die Kirche das unmöglich erscheinende möglich gemacht, indem sie ihren ostdeutschen Anhängern in Versammlungen entsprechend Mut machte.

Dennoch meine ich, dass diese wenigen guten Seiten das unermessliche Leid in der Welt, das aus den verschiedensten religiösen Konflikten immer wieder entsteht, nicht aufwiegen können. Eine ethische Erziehung muss auch ohne Religion möglich sein und ist sicherlich erfolgreicher.

Nun, was kann ich Dir aus dem Gesagten für Dein Leben mitgeben? Lebe nach den Geboten, soweit sie nicht lediglich der Stärkung der Kirchen dienen, aber misstraue allen Heilsaposteln. Ihre Lösungen für die Weltprobleme sind zu einfach, um in einer komplexen Welt zu funktionieren und sie sind daher unwirksam. Meist dienen sie nur der Stärkung der Mächtigen. Nur wenn jeder für sich an das Gute glaubt und danach, wo immer es möglich ist, handelt, kann sich die Welt zum Guten wandeln. Der eigene Vorteil darf niemals zum Nachteil anderer werden. Fast immer sind Kompromisse möglich, deren Vorteile eventuelle Nachteile überwiegen.

Eine weitere große Gefahr für junge Leute in unserer Zeit ist Rauschgift. Hierzu muss man auch das Rauchen und genau genommen auch Alkoholkonsum zählen, da auch diese Mittel Suchtmittel sind und zu Abhängigkeiten führen. Am gefährlichsten sind synthetische Drogen, Heroin, Opiate usw. Sie führen in kürzester Frist zu Abhängigkeiten, die schwerste Beschaffungszwänge und Gesundheitsschäden nach sich ziehen. Schon einmaliger Konsum erzeugt das Verlangen nach Wiederholung. Nach einigen Wiederholungen treten bereits überaus schmerzhafte Entzugserscheinungen auf, wenn man am weiteren Konsum gehindert wird.

Rauchen gilt neuerdings wieder als schick. Nachdem es sich die meisten Männer wieder abgewöhnt haben, glauben die Frauen, als äußeres Zeichen ihrer Emanzipation rauchen zu müssen. Gerade Frauen können aber durch Alkoholmissbrauch und/oder Rauchen ihre Kinder zeitlebens geistig und körperlich schädigen. Auch die eigene Lebenserwartung wird um kostbare Jahre vermindert.

Als ich in Wien die ersten Schulklassen besuchte, war der Unterricht über die Folgen von Rauschgiften ein wichtiges Thema und hat uns vor Dummheiten dieser Art bewahrt. Dabei war Rauschgift damals eigentlich nur in Asien ein Problem. Erst seit einigen Jahrzehnten ist es auch ein europäisches geworden. Nicht zuletzt wohl, weil man Aufklärung für überflüssig hielt, bis es zu spät war. Mein Vater, der starker Raucher war und später unter den gesundheitlichen Folgen mehr und mehr litt, prägte mir immer ein: „vermeide den ersten Zug an einer Zigarette!“ Ich hab mich daran gehalten und hatte nie den Eindruck etwas zu versäumen.

Gegen ein Gläschen Wein oder Bier ist nichts zu sagen. Außer in der Schwangerschaft kann das sogar der Gesundheit dienen, wenn es in Maßen bleibt und nicht zur Gewohnheit wird. Ausgesprochen gefährlich wird Alkohol als Trostspender. Das kann leicht zur Alkoholsucht führen, die eine gefährliche Krankheit ist, die man zeitlebens nie völlig los werden kann.

Das Wissen um diese Zusammenhänge kann entscheidend zu Deinem Lebensglück beitragen. Wie Wissen überhaupt in fast allen Lebenslagen hilfreich ist.

Zur Erkenntnis des wahren Seins gibt es keinen Königsweg. Nur die mühevolle Kleinarbeit der Wissenschaft vermittelt Erkenntnisse, deren Wahrheitsgehalt ständig wächst. Selbst wenn die ganze Wahrheit unerreichbar sein sollte, so kann doch das jeweils Erreichte großen Nutzen für das Wohlergehen der Menschen und für den Fortbestand des Lebens auf der Erde bringen.

Natürlich kann Wissen stets auch zum Schaden von Mensch, Tier und Pflanze genutzt werden. Aber dies ist nur möglich, wenn die obenerwähnten Mahnungen missachtet werden. Nämlich die Anwendung von Kants Grundsatz auf alles Lebendige. Dessen Missachtung in Zukunft zu vermeiden, muss Ziel aller Erziehungsmaßnahmen sein.

Unsere Leistungsgesellschaft hat leider bewirkt, dass erfolgreiche Gewinnmaximierung zur Erhöhung der Macht und Anerkennung von Führungskräften führt. Die mathematische Theorie der Optimierung lehrt jedoch, dass die Optimierung von Subsystemen keineswegs zum Optimum des Gesamtsystems führt.

Tausende werden in die Arbeitslosigkeit entlassen und damit in Not, Elend und oft genug in Verzweiflung und Selbstmord getrieben, nur um das Einkommen einiger Reicher zu erhöhen, denen diese Vergrößerung des Reichtums letztendlich meist mehr Probleme als Glück bringt. Das System Staat wird schließlich durch das unlösbare Arbeitslosen-Problem in den Ruin getrieben. Somit handeln eigentlich alle auch gegen ihre eigenen Interessen, bloß weil ihnen die übergeordneten mathematischen Gesetze unbekannt sind.

Halte deshalb Augen und Ohren offen für das, was die Wissenschaft an Erkenntnissen hervorbringt. Oft genug wird es Dir und den Deinen auch von Nutzen für die Aufrechterhaltung der eigenen Gesundheit sein. In meiner Homepage im Internet findest Du viele Anregungen und Ratschläge. Ich habe in meinem Testament verfügt, dass Deine Eltern den Inhalt der Homepage durch ausdrucken sichern, bevor mein Internetanschluss abgemeldet wird. Von mir selbst erstellte Ausdrucke oder CDs sind durch ständige Aktualisierung nie auf dem letzen Stand und können überdies in dem Wirbel um das Erbe leicht verloren gehen.

Nun ist der Brief doch ganz schön lang geworden. Es wird vermutlich auch nicht der letzte an Dich sein. Für heute will ich jedoch schließen mit den besten Wünschen für ein glückliches Leben, das nicht unwesentlich von Dir selbst abhängt.

Dein Opa Felix

Puchheim am 20. Februar 2002, drei Tage nach Deinem ersten Geburtstag



Liebe Laura,

seit meinem ersten Brief an Dich sind beinahe 10 Jahre vergangen. Gerti und ich sind jetzt 85 Jahre alt und hatten daher Gelegenheit, die bisherige Entwicklung Deines Verstandes mit zu erleben und auch ein wenig zu Deinem Besten zu beeinflussen. Nun bist Du seit kurzem Gymnasiastin und ich beobachte mit Genugtuung, dass Du in dieser kurzen Zeit wichtige Fortschritte gemacht hast. Noch hast Du das Gefühl, zu wenig zu wissen und es macht Dir Angst, dass es noch so viel zu lernen gibt. Du wirst jedoch so nach und nach merken, dass Wissen auch das eigene Selbstbewusstsein hebt und damit auch Freude bereitet. Du bewältigst manchmal schwierige Aufgaben selbstständig und recht gut. Du freust Dich über Erfolge, denn sie vermitteln ein Glücksgefühl und Stolz auf das eigene Können. Das ist ein guter Anfang und wird Dir noch viel Freude bereiten.

Lernen erscheint Dir mühevoll, weil Du Dich lieber mit anderen Dingen beschäftigen willst, als mit dem Lehrstoff der Schulen. Aber auch diese anderen Beschäftigungen sind Lernen. Der Unterschied ist nur, dass Du Dir dabei die Art der Beschäftigung selbst aussuchst. Du steckst Dir selbst Ziele. Um sie zu erreichen, wirst Du bald merken, dass Du dazu manches brauchst, was Du irgendwo gelernt hast. Nicht zuletzt auch in der Schule. Denn sie ist der Ort, der Dich auf die vielfältigen Erfordernisse des Lebens vorbereitet. Deine Freizeitbeschäftigungen machen deshalb mehr Freude, weil du den Erfolg Deines Lernen und Könnens sofort siehst und genießen kannst. Deshalb ist beides wichtig. Die Freizeitbeschäftigungen motivieren Dich zum Lernen, weil Du Deine Unzulänglichkeiten erkennst und überwinden möchtest.

Die Schule beantwortet auch Grundfragen, die sich fast jeder Mensch irgendwann stellt, auch wenn sie für das tägliche Leben fast unwichtig sind. Was war früher da, die Henne oder das Ei? Dabei taucht sofort die Frage auf, wie das Leben überhaupt entstanden ist. Wieso gibt es Jahreszeiten und warum sind sie für das Leben wichtig? Warum ist der Tag- und Nacht-Rhythmus für das Leben wichtig? Die Fragen werden immer mehr, je mehr wir darüber nachdenken. Wir sind nämlich von Natur aus neugierig. Man kann das alles aus Büchern lesen. Aber nur, wenn man lesen gelernt hat und dafür wurden einst Schulen gegründet, nachdem Gutenberg den Buchdruck erfunden hatte. Damit schuf er nämlich die Möglichkeit, die mühsam erworbenen Erkenntnisse einzelner, vielen Menschen zugänglich zu machen.

Meinen Brief vom 20. Februar 2002 habe ich jetzt noch einmal gelesen. Das Meiste aus diesem Brief kann ich auch heute noch mit gutem Gewissen gut heißen. In den 10 Jahren hat sich jedoch vieles in der Welt verändert. So steht in diesem ersten Brief, dass pro Sekunde 600 neue Planeten im Weltall entstehen, die die Möglichkeit zur Entwicklung von Leben bieten. Diese Abschätzung beruhte auf der Annahme, dass jeder 6. Stern im Weltall die Größe der Sonne hat und damit ein unserem Sonnensystem vergleichbares Planetensystem entwickelt.

Es hat sich inzwischen herausgestellt, dass das nicht stimmt. Die meisten Sterne sind Doppelsterne, die keine stabilen Planeten bilden können. Außerdem gibt es nur wenige Stellen in der Milchstraße, die von anderen Sternen, von Supernovaexplosionen und von Schwarzen Löchern einen genügend großen Sicherheitsabstand haben. Der riesige Erdmond entstand durch einen Zusammenstoß der Erde mit einem Himmelskörper, der mehr als doppelt so groß wie der Mars war. Der dabei entstandene, riesige Erdmond stabilisiert die Erdachse, die sich nach diesem Stoß auf 23,5 Winkelgrade einstellte und dadurch stabile Jahreszeiten ohne lebensfeindliche Temperaturschwankungen bewirkte.

Die Erde hat einen ungewöhnlich großen Eisenkern, da beim Einschlag auch der Kern des Einschlägers mit übernommen wurde. Dadurch ist ihre Schwerkraft so groß, dass sie das Wasser von mehreren eingeschlagenen Eiskometen aufnehmen und festhalten konnte. Sie ist der einzige uns bekannte Wasserplanet. Ohne dieses Wasser gäbe es kein Leben. Wir bestehen selbst zu 70 % aus Wasser.

Alles dies zeigt, dass die Entstehung von Leben ein außerordentlich seltenes Ereignis ist. So selten, dass man zweifeln muss, ob es unter den 100 Milliarden Sternen der Milchstraße noch weitere Lebensplaneten gibt oder gab.

Unsere Erde ist ein kostbarer Schatz. Ihn zu schützen und lebenswert zu erhalten, ist die wichtigste Aufgabe der Menschheit und Voraussetzung für deren Weiterbestehen. Deshalb ist Umweltschutz und Aufklärung der Menschheit über diese Erkenntnisse lebenswichtig und die großartigste Aufgabe für junge Menschen.

So lange ich lebe, werde ich die Zeit nutzen, Dir zu dem erforderlichen Wissen zu verhelfen. Nutze diese vielleicht sehr kurze Zeit. Du lernst nicht umsonst. Innerhalb der genannten Aufgabe gibt es viele Wege und viele interessante Berufe. Wenn Dir ein anderer Beruf mehr zusagt, wähle den, der zu Dir passt und der Dir Freude macht. Denn Beruf kommt von Berufung. Dein Lebensglück hängt sehr wesentlich von Deiner Berufswahl ab.

Vergiss dennoch nicht, Dein Wissen zu vermehren und an andere weiterzugeben. Wenn viele das tun, wird diese Welt besser werden. Wie notwendig das ist, hört und sieht man täglich aus den Nachrichten.

Dein Opa Felix

Puchheim am 4. November 2011